Werbung / Messebericht

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Eurobike 2019:

Alles auf Anfang

Die größte Fahrradmesse der Welt hat ein Problem. Während sich Kunden, Händler, Hersteller und ganze Märkte in atemberaubenden Tempo verändern, wirkt die Eurobike selbst wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Da nutzt es wenig, sich vehement als Branchenleader zu bezeichnen. Denn die ehemals größte Leitmesse im Fahrradsektor hat nicht nur ein 80er Jahre Logo, es fehlt ihr an wirklich modernen Konzepten, die Kosten für Aussteller sind unglaublich hoch, die Anreise- und Verkehrssituation ist eine Zumutung und überhaupt, wo ist Friedrichshafen?

Ok, die Stadt Friedrichshafen kann wahrscheinlich noch am wenigsten dafür und wäre für neue, zukunftsorientierte Konzepte der Eurobike-Macher sicherlich zu begeistern. Denn tatsächlich ist die Lage am Bodensee traumhaft schön und vor allem ist es eine besonders geile Gegend zum Radfahren. Eigentlich eine Win-win-Konstellation.

Groß war das Aufschrei letztes Jahr - Publikumstag gestrichen, Messe um zwei Monate vorverlegt. Die Eurobike 2018 war noch nicht vorbei und es war klar, die 2019er Eurobike wird wieder einen Publikumstag haben und auf den alten Termin im September wandern. Ein marketingtechnisches Disaster. Genauso wie die MediaDays in Südtirol, die zeitlich und örtlich völlig losgelöst von der Messe am Bodensee lediglich die Kosten in die Höhe treiben. Echter Benefit für die Hersteller Fehlanzeige. Aber genug der Schelte. Ich hoffe die Verantwortlichen haben die wirklich prekäre Situation erkannt und erfinden die Eurobike neu. Und dann sind Firmen wie Giant, Scott, Haibike und Co auch wieder mit dabei. Ansonsten droht der Eurobike das gleiche Schicksal wie der IAA.

Am E-Bike geht kein Weg vorbei

Ungebrochen ist der Trend jede Art von Bike zu elektrifizieren. Die Big Player der E-Antriebsbranche, namentlich Shimano, Bosch und Yamaha, bringen nicht wirklich Neues aber verbessern durchweg die Technik. Bosch hat mit dem neuen CX Performance nun wieder einen konkurrenzfähigen Antrieb im Programm der auch direkt in den 2020er Bikes verschiedener Hersteller zum Einsatz kommt (Scott, Conway, und viele andere). Megatrend ist alles was ‚Intube‘ ist: Die Akkus können dadurch größer werden: 750er sind bei den Intube-Rahmen problemlos realisierbar.

Hersteller aus China sind schwer im Kommen: Sie liefern ausgereifte Technik und spielen die Karte der niedrigen Fertigungskosten voll aus. Im Entry-Level Bereich kennt man den Bafang-Antrieb aus dem Reich der Mitte ja schon länger, ab 2020 sind die Chinesen mit neuen smart designten Produkten aber auch in der Mittelklasse vertreten. Der Preisdruck bei den Fahrradherstellern ist immens.

Neu in den Markt wollen Sachs, Continental und auch, wen wundert’s, Schaeffler. Sachs verfolgt dabei einen technologisch eher konservativen Ansatz, vereint aber in der ZF SACHS MICRO MOBILITY GmbH mit ZF, Magura, BMZ und BrakeForceOne nicht nur sehr viel Know-how, sondern verfügt auch über die notwendige Finanzkraft.

Das gilt natürlich auch für Continental. Conti marschiert mit 48V und integriertem Automatikgetriebe ganz klar in Richtung Technologieführerschaft. Keine Frage, Continental hat das Zeug den bekannten Playern ordentlich die Butter vom Brot zu holen.

Für eine echte Revolution könnte jedoch Schaeffler sorgen. Die Herzogenauracher haben sich aufgemacht das E-Bike neu zu erfinden. Der Prototyp ist vielversprechend - ich konnte ihn fahren, darf aber nicht darüber berichten. Denn noch hat Schaeffler nicht entschieden, ob das Produkt bis zur Serienreife weiterentwickelt wird. Mir fällt dazu spontan das Lied ‚Video Killed the Radio Star‘ ein. Ja, der Antrieb ist wirklich so revolutionär.

Bio Bike Strikes Back

Schon lange wissen wir, dass jeder Trend irgendwo auch einen Gegentrend erzeugt. Die ganze Gravelbike-Overnighter-Bikepacking Geschichte zum Beispiel: Lass alles zurück und los. Keine Zwänge, kein Plan sondern Freiheit und Abenteuer. Das ganz krasse Gegenteil zum technikbeladenen E-Bike in Digital.

Sehr geil zu sehen, was das kleine Fahrer inspirierte Entwicklerteam von deepspace auf die Räder gestellt hat. Sie präsentieren auf der Eurobike eine schmucke Steel Racer Line für Schotter. Kein Chichi, dafür klassischer CroMo Rahmen gepaart mit hochwertigen Komponenten von Shimano oder Sram. Und der Ableger der ungarischen Traditionsmarke Csepel fährt sich super – wie sagt man so schön, Steel is real! Wenn ich Händler wäre, ich würde mir für 2020 unbedingt ein paar deepspace Renner in den Laden stellen.

Gut gefallen hat mir auch das Lineup von Rondo. Die Bikes sind nicht nur neu und auf hübsch gemacht, sie sind es einfach. Die jungen Firmen bringen coole Ideen und freche Designs. Das ist alles ziemlich erfrischend und die etablierten Hersteller müssen sich schon die Frage stellen, warum sie nicht auch so innovativ sind. Die Antwort darauf ist allerdings einfach – große Markenhersteller brauchen Masse bzw. Stückzahlen und haben vor allem einen ganz anderen Planungsvorlauf. Außerdem bindet die E-Bike Entwicklung zurzeit praktisch alles an Ressourcen. Bevor nicht alles restlos elektrifiziert ist, passiert nicht viel bei den klassischen Fahrrädern.

Natürlich ist auch nicht jede Entwicklung im großen Stil marktfähig. Und so muss ich mich schon wundern über das Full-Suspension Gravelbike von Niner. Geht für mich persönlich an der Idee ‚Gravel‘ vorbei. Egal, auch dieses Bike wird seine Liebhaber finden.

Urbane Mobilität in Neu

War es die letzten Jahre vornehmlich der Dieselskandal der die Diskussion um eine neue urbane Mobilität befeuert hat und eine ganze Armada an elektrifizierten Cargo-Bikes hervorgebracht hat, so ist es heute die Klimadiskussion im Allgemeinen und die Fridays for Future Bewegung.

Keine Frage, unser Planet hat einen fiesen Schnupfen und wir müssen handeln. Das Fahrrad ist da eine gute Alternative zum klassischen Verbrenner Auto. What? Ist es gar nicht. Überhaupt nicht. Wenn das nämlich so einfach wäre, dann hätten wir das Problem nicht. Und gerade weil das Fahrrad im Vergleich zum Auto zu viele Nachteile hat, brauchen wir dringend alles an Ideen was vorstellbar ist. Das Zweirad, ob nun bio oder elektrisch, hat als urbanes Verkehrsmittel nur eine Chance, wenn es wirklich cool ist.

Ein Hersteller der das umgesetzt hat ist Fantic. Das E-Bike Issimo könnte die neue Vespa einer ganzen Generation werden. Kein nerviger Schieberoller sondern ein E-Bike. Cool, stylisch, praktisch. Eine Mischung aus klassischem Roller und stylischem Retro-Mofa - jedoch in modern und chic. Sowas können echt nur die Italiener. Bravo! Wer bitte möchte nicht so ein Ding fahren? Das ist die neue Form der City Bikes, zumindest wenn sie elektrifiziert sind. Das Bike hat völlig zu Recht einen Preis abgeräumt.

Wer hingegen richtig was zu transportieren hat, der ist mit dem wuchtigen XCYC Pickup bestens bedient. Großer Wochenendeinkauf, Waschmaschine oder eben mal die komplette Campingausrüstung für die ganze Familie - alles kein Problem mit dem Pickup aus Calw. Und wenn die schwäbischen Tüftler im nächsten Jahr noch einen leichten Wetterschutz bringen würden, dann kann das wirklich was werden mit der Mobilitätswende.

Und wo sind jetzt die Bilder von den fetten E-Bikes? Hey Leute, ich sag' nur MediaDays. Da durfte die handverlesene Elite der Magazine und VorzugsBlogger vorab schon die tollsten Bilder der neuen Bikes schießen. Da kann ich mit meinen Amateurbildern nicht mithalten. Und noch vor Messebeginn waren praktisch alle neuen Bikes schon online zu sehen. Schaut einfach bei den großen Magazinen rein, die haben echt tolle Fotostrecken.

Folglich stand bei mir in diesem Jahr das Fahren der 2020er Bikes ganz oben auf der To-Do-Liste. Wie fühlt sich das Bike an, was hat sich zu den Vorjahresmodellen geändert, wie funktionieren die neuen Systeme in der Praxis auf der Straße und im Gelände? Ein paar Bilder davon gibt's auf meinem Insta. Und in den nächsten Wochen gibt's dann peu a peu Reviews von Husqvarna, Conway, Fantic, Spitzing, Raymon, DeepSpace und dem neuen Kettler Scarpia mit 150 mm Federweg.

Resümee

Für mich als unabhängiger Fahrradblogger war die Messe, trotz der Eingangs geäußerten Kritik, ein tolles Erlebnis und eines der Highlights der Bikesaison. Einige Aussteller äußerten mir gegenüber jedoch, dass die Messe bedauerlicherweise nicht so gelaufen ist wie erhofft. Denn trotz der ganzen Klimadiskussion und dem noch immer anhaltenden E-Bike Hype unterliegt natürlich auch der Fahrradmarkt der Weltkonjunktur - und die schwächelt nun mal erheblich.

Das ist nicht die Schuld der Hersteller, nicht die Schuld der Eurobike-Macher und die schönste deutsche Messestadt kann da auch nichts dafür. Unterm Strich ist die Eurobike 2019 nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Die IAA würde jubeln, wenn es bei ihr ähnlich gelaufen wäre. Trotzdem braucht die Eurobike für 2020, und vor allem darüber hinaus, einen echten Neustart. Und damit meine ich nicht, dass sie von Friedrichshafen weg geht. Ganz im Gegenteil.

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei den Organisatoren der Messe bedanken, ebenso beim Wrider's Club und ganz besonders bei den freundlichen Jungs und Mädels von der Cafetaria der Blogger Base. Hoffe wir sehen uns im nächsten Jahr wieder. Thx Leute, war super ;-)

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